Donnerstag, 9. Januar 2014

Marrakesch subjektiv

Kasbah Amerdihil, Dades-Tal




This one goes out to Meriem. 

Marokko ist ein tolles Reiseland. 
Das steht nicht im Widerspruch zu dem Umstand, dass ich mich in Rabat langweile. Und dass mir dieses bequeme Leben zuweilen auch gefällt; wenn ich mit Freundinnen bei „Paul“ frühstücke, oder wenn ich die weiche Abenddämmerung in meinem kleinen Schlauchgarten genieße. Manchmal erfasst mich dabei eine diffuse Sehnsucht, immer noch, nach so vielen erfüllten Träumen (Liebe, Reisen, Schreiben). 
Dann zieht es in der Brust, nur weil der Himmel sich blaurosa verfärbt, und die schattenumspielten Palmen und großen Korkeichen auf dem Nachbargrundstück so hübsch anzusehen sind. 
Es ist, als raunte es in den Baumkronen: „Es gibt noch mehr… was weißt du schon…. es gibt noch mehr, dein Herz ist nicht voll; so vieles auch, was du zurückgelassen hast und nie mehr sehen wirst….“  
In Wirklichkeit raunt natürlich niemand, unter den Bäumen patrouillieren nur die Soldaten, die den monströs großen Fuhrpark des Königs bewachen und sich barsche Kommandos zurufen oder unromantisch vor sich hin rotzen.

- Aber ich schweife ab; über das Reiseland Marokko wollte ich schreiben. 
Dem Hohen Atlas kann ich nicht viel abgewinnen, weil er so baumlos, trocken und staubig ist. Manchen gefallen die roten Felsen, die übergehen in rote Erde. Aber ich lebe seit 14 Jahren in Ländern, in denen dichte Wälder eine Seltenheit sind, und meine Augen sehnen sich nach grün. Die Alpen und Voralpen – ein Hit! Kein Vergleich zum Hohen Atlas.

Was bleibt dann noch? Marrakesch. Ist zweifellos polarisierender als die Hauptstadt. Ärmer, dreckiger, lauter, reicher, touristischer, schöner, hässlicher, verdorbener. Energetischer.

Meine erste Reise nach Marrakesch unternahm ich, nachdem wir uns in Rabat eingerichtet hatten und eine Freundin aus Deutschland mich besuchte. 
Sie war beeindruckt, wie gut ich in Rabat zurechtkam, also war es klar, dass ich auch für unseren Marrakesch-Trip souverän alles regeln würde. Die Sorge, ob ich schon bereit dazu war, mit dem Auto nach und durch Marrakesch zu fahren, rutschte demnach weit nach hinten in meinen Kopf. 

Alors: ab hinters Steuer und rein ins Abenteuer. 
Immer schön nach den alten Libyen-Regeln fürs Autofahren: Niemals die Spiegel benutzen. Niemals blinken, nur drängeln. Wer bremst, zeigt nur, was für ein Schisser er ist. Der Größere – also ich – hat Vorfahrt.
Und ganz wichtig: keine Angst. Betrachte es… als ein Spiel.

Ich fuhr also so halsbrecherisch wie nötig und ortsüblich angemessen, und meine Freundin staunte und fotografierte Mopedfahrer, die sich mit Hammel auf dem Rücken durch die Autoreihen schlängelten. Das große muslimische Opferfest stand bevor, und jeder versuchte irgendwie, an ein lebendes Schaf zu kommen und es nach Hause zu transportieren.

Und dann, ta-dam: „der Platz“. Jemaa el-Fna.  
Tja. Es ist immer schwierig, wenn Orte schon hoch gelobt wurden, und, nun ja, ich lese viel, also lese ich auch viel Reiseliteratur.

Es war kein Wow-Erlebnis. Zunächst ist Marrakesch viel touristischer als Rabat, und gerade auf dem Platz der Gehenkten wimmelt es von Ausländern. Von Barbiepuppen in Unterwäsche. Von Individualreisenden, die alle die gleichen Haremshosen, made in India, tragen.
Die gequälten Äffchen, die Kunststücke aufführen, die gequälten Schlangen, die sich schon den ganzen Nachmittag wie im Delirium zur scheppernden Flöten-Trommel-Musik bewegen. 
Gefällt mir nicht. 
Die nicht minder gequält aussehenden Besitzer der Tiere, mit stumpfen Augen, schwarzen Zähnen und wer-weiß-welchen Verdauungsproblemen. Und dann das Gerufe und Gezerre von allen Seiten, selbstverständlich in Deutsch, als ob man mit Gold um sich schmeißen würde.

Magie hat der Jemaa el-Fna dennoch, man muss nur genauer hin- und vom Spam wegsehen. Er ist immer noch vorrangig Unterhaltung für die Einheimischen, die jeden Abend in Massen hinströmen, um sich zu treffen und den Geschichtenerzählern zu lauschen. Die gibt es tatsächlich. Und sie sind ganz und gar nicht touristisch aufbereitet. Wenn man sich so einer Menschenansammlung nähert und versucht, über die Schultern der Anwesenden zu spähen, kann es passieren, dass das verhutzelte, verschmitzt guckende, gestenreich erzählende Männchen in der Mitte plötzlich laut ausruft und auf einen zeigt.
Der will Geld, denke ich vorschnell. 
Aber nein, weit gefehlt, er will mich nur vorführen. Während sich alle Köpfe neugierig nach mir umdrehen, redet er schnell auf mich ein, konsequent nur arabisch. Mein fragendes Gesicht wird umgehend spöttisch kommentiert, er hat alle Lacher auf seiner Seite und die Menge wendet sich wieder von mir ab.
So geht das weiter.
Ein großer Kreis von Menschen um ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem man Flaschen angeln muss. Ein Grüppchen um jugendliche Boxer. Nein, das will ich nicht unterstützen.
Weiter. 
Ein kleiner Kreis, nur Männer, die ruhig den Kopf gesenkt halten. Das wirkt geheimnisvoll. Ich trete näher, sehe seltsame Gegenstände auf dem Boden: ein Straußenei, einen ausgestopften Leguan, Muscheln. Zauberzubehör, wie ich später erfahre.  Der Mann in der Mitte hält die Hände vor der Brust, die Handflächen nach oben. Von den leise gemurmelten Worten kann ich nur „Allah“ und „Bismillah“ verstehen. 
Er betet! Erschrocken weiche ich zurück, ich wollte niemanden stören.

Der Platz ist bezaubernd, rau, echt.  Zeigt etwas von der Textur der marokkanischen Seele, ihrem Aberglauben und ihrem Spieltrieb.

Das war vor über zwei Jahren, seitdem war ich immer wieder da. Mit meiner Mutter und den Kindern, mit meinem Mann und den Kindern, mit einer anderen Freundin, mit dem Zug, alleine mit den Kindern. Eine Freundin, die mich aus Ghana besucht und mit der ich mich fast nur von Dachterrasse zu Dachterrasse bewegt hatte, riet mir, alle 4 Monate nach Marrakesch zu fahren, um mein Reservoir an Inspiration aufzufüllen. Das hab ich nicht geschafft.

Meine Töchter lieben übrigens den Platz. Vor allem die Jüngste, 9 Jahre alt, blond und blauäugig. Sie weiß um ihr Aussehen, ihre Wirkung ist bereits Libyen-erprobt, und sie verlässt sich darauf. Blondie bekommt auf jedem Suq etwas geschenkt, das ist hier nicht anders. Ein kleines Lederkamel, einen aus Holz gedrechselten Anhänger, noch eine Runde beim Flaschenspiel…

Was es sonst noch gibt in Marrakesch? Museen, Koranschulen, Paläste, Saint Laurents Garten, Restaurants in prächtigen Riads. Die Dachterrassen der Restaurants. Kann man, muss man aber nicht gesehen haben. Es ist die Energie der Stadt, die ein Erlebnis ist. Die rohe Härte des Überlebenskampfes, die man ebenso spürt wie die sprühende Lebenslust der Jugend. 

Und die Erfahrung, dass das ganze scheinbare Chaos, dass alle Unordnung einen Sinn ergibt und zielführend ist – diese Erfahrung kann sogar existenziell sein.

Nur die Taxifahrer, die sind wirklich die Pest!




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