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Mittwoch, 6. August 2014

Die Leere und die Fülle


Eigentlich hatte ich vor, diesen Beitrag folgendermaßen beginnen zu lassen: 
„Ich sitze in einem Hotel in Rabat, ich habe kein Haus mehr. Es ist Sommer, es ist Ramadan, und ich versuche, vor 21 Uhr etwas Essbares für die Familie aufzutreiben. 
So schließt sich der Kreis. 
Vor fast drei Jahren kam ich hier mit meinen Kindern an. Ich hatte noch kein Haus, es war heiß, es war Ramadan, und ich versuchte, tagsüber etwas Essbares aufzutreiben.“  --- 
Aber die Anstrengungen des Umzugs haben mich schachmatt gesetzt; wenn ich nichts zu tun hatte, habe ich nichts getan, außer in den hellen Himmel zu starren. Und so komme ich erst später, schon lange nicht mehr im Hotel und in Marokko, zum Schreiben.

Jetzt ist es die berüchtigte Leere, die eine Leidensgenossin erst vor kurzer Zeit benannt hatte und die sich wie eine weiße Wüste in mir auszubreiten droht, gegen die ich anschreibe.
Eine innere Leere, die Folge ist von wochenlanger hoher Belastung bei gleichzeitiger Verdrängung jeglicher Gefühle ebenso wie Fragen nach der Zukunft und nach der Summe der Verluste.
Eine Leere, die ich mir –natürlich- nicht vorstellen konnte, als ich noch mit Highspeed hin und her flitzte: zwischen dem Schlachthof, wo ich neben stinkenden Hallen beim Amtsveterinär auf der Suche war nach einer Bescheinigung für den Transport des Hundes nach Deutschland, und dem Zuhause, wo ich den Ehemann, der wieder in die Arbeit musste, abzulösen hatte bei der Kontrolle der Containerbeladung. (Wo waren die Kinder? Keine Ahnung. Bei Freunden, alleine am Hotelpool? Nur gegen Mittag tauchte die Überlegung auf, wie viele Personen ich nun wo mit Nahrung versorgen müsste.)  

Also wieder zurück zum Resümee, das ich so gerne schon im Hotel angestellt hätte. 
Ist ein Stück meines Herzens in Marokko, oder, um größer zu sprechen, in der islamischen Welt geblieben? Natürlich. Wie in allen Angelegenheiten folgte auch hier die Anpassung unmerklich, und die Jahre an den unchristlichen Küsten des Mittelmeers haben ihre Spuren hinterlassen. 

So habe ich mir tatsächlich angewöhnt, an jeden in die Zukunft gerichteten Satz, z.B. auch die Antwort auf die Frage, ob wir uns dann nächste Woche bei der Botschafterin sehen, ein „Inshallah“ anzuhängen. 
Wie habe ich diese Floskel in den ersten Jahren gehasst, wenn ich den Klempner, der in der Türkei das Klo reparieren sollte, festlegen wollte, ob er denn am nächsten Tag damit fortfahren würde! Ein „So Gott will!“ erschien mir wie Hohn, wie ein Eingeständnis der vollkommenen Inkompetenz, Unzuverlässigkeit und Gleichgültigkeit des Handwerkers, und erzürnte mich unbändig. 
‚Entweder du weißt ob du kommen kannst oder du weißt es nicht, was ist denn so verdammt schwer daran, sich festzulegen; so werdet ihr es nie in die EU schaffen!‘, solche und ähnliche überhebliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. 
Es hat einige Jahre gedauert, mindestens bis Libyen, bis ich mich in die Mentalität eingefunden hatte und begriffen habe, dass „Inshallah“ erstens oft wirklich nur eine Floskel ist. Dass diese Floskel zweitens von der Einsicht kündet, dass man nicht alles, eigentlich sogar recht wenig, im Leben steuern kann und man deshalb immer geduldig das Einverständnis einer höheren Macht einholen sollte – was natürlich in kolossalem Widerspruch steht zu der im Westen immer noch recht beliebten Illusion der Kontrollierbarkeit des eigenen Schicksals; und dem Zwang, dies auch zu tun. Und dass es drittens sogar höflicher ist, ein „Inshallah“ einzuschieben: platzt dann eine Verabredung, so ist das keinesfalls persönlich zu nehmen.

Zum Teil lebe ich diese Haltung inzwischen selber. Ich lege mich nicht mehr zu hundert Prozent fest und mache mir auch keine Gedanken darüber. Wenn ich keine Lust habe, sage ich eine Feier kurzfristig ab. Wenn der Klempner sagt, er wird um zehn Uhr kommen, nicke ich zustimmend, und wenn mir später einfällt, dass ich um 9 Uhr zum Frühstück verabredet bin, gehe ich selbstverständlich hin. Vielleicht bin ich um zwanzig nach 10 wieder daheim und der Klempner war noch gar nicht da; oder er hat sich wieder getrollt, als ihm niemand die Tür geöffnet hat, und kommt am Nachmittag wieder. In der Zwischenzeit spüle ich die Toilette mit einem großen Wasserschwall aus den Kanistern, die bei uns seit Afrika immerzu gefüllt in jedem Bad stehen.

Am deutlichsten habe ich meine kleine islamische Kulturwurzel bemerkt, als ich neulich in der Botschaft in Rom flotte deutsch-italienische Konversation betreiben wollte: mir ist am Ende meines Satzes, mit dem ich meine rasche Anpassungsfähigkeit (an Italien) demonstrieren wollte, nichts anderes eingefallen als: „Inshallah“!


Ein weiteres Beispiel:
Über die vermeintliche Unachtsamkeit, die viele Araber an den Tag legen, kann man sich täglich bis an den Rand des Herzinfarkts aufregen, oder man kann den Spieß umdrehen. 
Wenn ich in Marokko immer wieder zugeparkt werde und hupend warten muss, bedeutet es umgekehrt, dass ich meinen Wagen auch mal zehn oder zwanzig oder dreißig Minuten in dritter Reihe stehen lassen kann. Wenn ein Autofahrer raus möchte, wird er mich schon in der Reinigung / der Metzgerei / dem Blumenladen finden. 
Wenn mein Auto ständig Kratzer abbekommt, heißt es auch, dass ich mir bei einem engen Parkplatz keine Gedanken machen muss, wie ich die Tür aufbekomme oder hinausmanövrieren kann, ohne Spuren zu hinterlassen (gar nicht, etwas Verlust ist immer; aber damit können die anderen Autofahrer leben).

…und in fränkischen Städten sorgt es schon für lauten Unmut, wenn ich meine Freundin mit Kindern in der Fußgängerzone treffe, wir stehen bleiben, und manche Passanten tatsächlich einen Bogen um uns machen müssen. 
An dieser Stelle habe ich einen kleinen Kulturschock erlitten.







Mittwoch, 12. März 2014

Rückkehrer Teil 2: Rom oder die Wehmut im Weltdorf

Dass es Zeit wird, Nordafrika den Rücken zu kehren, bemerkte ich beim letzten Kurzurlaub in Andalusien. Schon nach der Überfahrt von Tanger nach Tarifa fragte Blondie mit der perfekten Einfachheit, die nur 9-Jährigen zu Eigen ist, warum Spanien nicht so dreckig sei wie Marokko. 
Wie kann man diese Frage ebenso klar und präzise beantworten, ohne weit auszuholen oder unzulässig zu vereinfachen? Mit Armut, dem politischen System, kulturellen Unterschieden?
Die Kinder hielten sich nicht lange mit meiner stolpernden Suche nach einer inhaltlich (und politisch) korrekten Erklärung auf; ihre ungehemmte Begeisterung entflammte wieder: angesichts müllfreier Strände und sauberer Toiletten.

Am meisten angetan waren sie jedoch von den Zebrastreifen. 
Immer und immer wieder. 
„Mama, die halten an!“, kreischten Kleine und Große mit dem gleichen ungläubigen Entzücken.
„Die Autos halten an, wenn wir über die Straße wollen!“ – 
Und ich, ich war ergriffen von Rührung und schlechtem Gewissen. Es war vielleicht übertrieben; ich weiß, dass wir unseren Kindern mit dem Expatleben nicht nur viel zumuten, sondern auch viel geben, aber in dem Moment war der Gedanke plötzlich sehr stark: wir müssen Marokko verlassen, bevor es anfängt, uns zu zermürben.

Und nun also, ab Sommer, werden wir wegziehen: nicht nach Berlin, wie vorgesehen, sondern nach Rom. 
Vielleicht ist das Schicksal der Meinung, wir sollten uns nur langsam dem Norden annähern, noch ein bisschen wohltemperiertes italienisches Chaos mitnehmen, um keinen zu großen Kulturschock zu erleiden. 
Wie der so aussehen könnte, dafür lieferte die Große neulich einen Vorgeschmack:

Sie bat darum, für ihre bevorstehende Geburtstagsfeier die Aktzeichnungen aus unserem Wohnzimmer zu entfernen. Die Zeichnungen, mit denen sie groß geworden ist, die selbst in Libyen schon an den Wänden hingen, würden das Ehrgefühl ihrer Freundinnen verletzen! 
Das ist wohl die konservative Weltanschauung der Zwölfjährigen, noch verstärkt durch die verinnerlichten Gewohnheiten des Lebens in muslimischen Ländern. 
Nicht, dass ich das schlecht finde. 
Aber da wird sie sich ganz schön umschauen müssen in Rom, mit all den Plastiken und Bildern von überlebensgroßen Nackten: auf öffentlichen Plätzen, in den Kirchen und sogar in der Kapelle des Papstes!

---

Die Abfolge der Emotionen, wenn man die Nachricht einer bevorstehenden Versetzung erhält, ist immer gleich, unabhängig von dem Land, in dem man sich auf- und den Lebensbedingungen, die man aushält. 
Zu der zarten Freude mischt sich die erstaunte Einsicht, dass irgendwie gerade jetzt, also quasi erst seit einigen Tagen, ALLES perfekt und rund läuft, nirgends mehr Sand im Getriebe knirscht und man voll bewusstem Glück jeden Moment genießen kann.
Und direkt nach der anschließenden, fiebrig-explosiven Erregung, die einem schlaflose Planungsnächte und dieses köstliche Erneuerungsgefühl beschert, kommen Abschiedsschmerz und Wehmut. 
Schon wieder so vieles zurücklassen müssen. 
Die ganze Energie nur in eine Richtung stecken. In die Zukunft. 
Manchmal kann ich das nicht.

Also ein letztes Mal wehmütig in den Süden fahren. 
An der Schabracke neben der Tankstelle süßen Minztee für die Fahrt holen, den Kindern in Agadir die Berber-Schrift zeigen, die mit ihren Dreiecken, Kreisen und Kreuzen aussieht wie Geometrie-Übungen für Erstklässler. 
Versonnen auf den silbrig glitzernden Atlantik starren, der nur hier so aussieht.

Schmerzlich-schön: wir reisen durchs Land und treffen überall auf Menschen, die wir bereits kennen. 
Sei es in Essaouira, wo wir uns mit Freunden, die sich ebenfalls dort aufhalten, spontan zum Mittagessen verabreden. Einem der schreiend und schiebend um unsere Gunst buhlenden Gastronomen im Hafen den Vorzug geben, halb verkohlten Kalamar vorgesetzt bekommen, der Jüngsten zusehen, wie sie aus den Scheren einer Riesenkrabbe Folterwerkzeug bastelt und ein Fischauge seziert, und uns von der Rauferei der benachbarten Grillbudenbesitzer unterhalten lassen.
Sei es in Agadir, wo eine Schulkameradin, die gerade nebenan in Taghazout urlaubt, die Älteste zum Surfen einlädt. 
Marokko ist ein Dorf.

Der Wiedersehens-Höhepunkt dann in Marrakesch: mein Stammcafé aus Libyen (und ein beliebter Expat-Treffpunkt) hat sich in Marokko verjüngt. Die Söhne des „O2“-Betreibers aus Tripolis versuchen seit einigen Monaten ihr Glück in Marrakesch, voller Heimweh und voller Lebenslust angesichts der neuen Möglichkeiten. Zuerst ungläubig, dann erfreut lachend begrüßen sie uns, servieren den Mädchen Pancakes mit Nutella, genau so, wie diese sie zwei Jahre lang mindestens alle zehn Tage nach der Schule gegessen haben, und ich bin tief bewegt. 
Ich kann nicht mehr nach Libyen, aber ein Teil meines libyschen Lebens kommt zu mir.

Was sagt uns das? Nicht nur Marokko, die ganze Welt ist ein Dorf! 
Und irgendwann sehen wir uns alle wieder!  
Auch die mir inzwischen so vertraute und irgendwie unterhaltsame Lebensart des Drängelns und Tricksens, des Durchwurschtelns und kreativen Grenzen-Übertretens - die werde ich bestimmt in Rom wiedersehen! 


                                                                                                   von rechts: Walid, Mouad und Zaid vom Café O2 Marrakech