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Montag, 18. Mai 2015

Rom und die Süße des banalen Lebens



Da bin ich wieder, weltwärts gewandt nach dem nassen Winter, in dem ich kaum geschrieben, aber viel Italienisch und interessante Leute kennen gelernt habe. 
Eine von ihnen hat direkt eine Lesung für mich organisiert, in ihrem Salon am Campo de‘ Fiori. Danke, Anke!



Rom ist immer noch eine schöne und immer noch eine anstrengende Stadt: im Winter bricht der Himmel auseinander und schüttet so lange Wasser aus, bis auch ich davon überzeugt bin, dass hier Afrika beginnt – wenn nämlich der Verkehr zum Erliegen kommt. 
Warum? 
Weil es regnet. 
Das ist so in Entwicklungsländern, Gullis verstopft, Unterführungen überschwemmt, stop and go über 20 km hinweg….
Und im Sommer schwärmen die Touristen und die Motorinofahrer aus, verstopfen die Straßen und strapazieren meine Sinne und meine Reaktionsfähigkeit. (Immer wieder erstaunt mich das Vertrauen, das die Motorradfahrer in mich setzen, wenn sie in haarigen Situationen – gleichzeitig! – von rechts und links an mir vorbeipreschen. Wissen sie denn nicht, dass ich mir zum Schutz meiner Nerven bereits in Libyen abgewöhnt habe, in die Spiegel zu schauen?)

Trotzdem genieße ich Italien, genieße es, zu beobachten, ohne selber so sehr im Fokus zu stehen, wie das die ganzen letzten Jahre (als großgewachsene hellhäutige Frau) in arabischen oder afrikanischen Ländern nun mal der Fall war. 
Ich genieße das Reisen. Und wenn ich eine so morbid-schöne, bis zum Erbrechen mit Menschen gefüllte Stadt wie Venedig wieder verlasse, genieße ich es auch, wieder in Regionen zu kommen, in denen der Latte Macchiato 1,30 statt 13 Euro kostet und etwas vom normalen Italien jenseits der Inszenierung durchschimmert.
Gutes Essen, zum Beispiel, gibt es in jeder Trattoria abseits der Straße. Das Lokal neben der großen Autobahnbaustelle, in der fast nur Arbeiter verkehren? Serviert Pasta mit Trüffel! Allerdings auch unerwartet heitere Momente, als es versucht, sich kosmopolitisch zu geben. An der dreisprachigen Speisekarte hat sich offenbar jemand mit Internet-, nicht jedoch mit Sprachkenntnissen ausgetobt, deshalb bietet sie Nudeln mit Erbsen und Beidrehen an, ferner Nudeln mit Schinken und Beidrehen oder mit Pilzen und Beidrehen(Auf Italienisch: Pappardelle con piselli e panna, con prosciutto e panna, con funghi e panna). 
Wie kommt man dazu, Herr im Himmel, panna, also Sahne, mit Beidrehen zu übersetzen? Ich schaffe es nicht, meine Bestellung aufzugeben, weil Lachtränen mir Mascara in die Augen reiben und den Blick vernebeln. Das Weiterblättern macht es auch nicht besser: Risotto con funghi wird dort mit „Lachen“ übersetzt, gleich zweisprachig, Lachen mit Pilzen oder laughing with mushrooms. Nun ist es aus mit mir, ich kreische vor Vergnügen, liege japsend auf dem Tisch, „Mama, du bist peinlich“ „Du bist ja ganz rot im Gesicht!“ „Dir läuft die Schminke runter!“, rufen meine Töchter.

Wieder zurück in Rom trete ich meinen Nebenjob in der Herder-Buchhandlung am Vatikan an, wo ich vom Panoramafenster (in Ruhe!) die Touristen auf dem Petersplatz beobachten kann. Sehe, wie sie stundenlang Schlange stehen, um in den Dom zu gelangen. Wie sie anschließend wieder warten, bei Nieselregen säuberlich aufgereiht am großen Taxistand des Piazza Pio, da in Rom beim ersten Anzeichen von grauen Wolken kein Taxi mehr aufzutreiben ist, und stolz die wichtigste antrainierte Touristentugend beweisen: Geduld.
Die Süße des italienische Lebens wird eindeutig überbewertet.
Oder vielleicht wird das Vergnügen des Reisens in Zeiten des Massentourismus überbewertet? 

Und, das Wichtigste überhaupt, das Wichtigste zum Schluss: 
Ich habe mein Kinderbuch veröffentlicht. „Marissa. Abenteuer in Marokko“ ist ein Märchen für Kinder ab 8 Jahren. Erhältlich über Amazon, auch in Italien. Das wunderschöne Cover stammt übrigens von Brigitte Stühler.




Und jetzt widme ich mich tatsächlich wieder dem Schreiben. Und dem Sommer. 
Ciao, baci da Roma.





Mittwoch, 6. August 2014

Die Leere und die Fülle


Eigentlich hatte ich vor, diesen Beitrag folgendermaßen beginnen zu lassen: 
„Ich sitze in einem Hotel in Rabat, ich habe kein Haus mehr. Es ist Sommer, es ist Ramadan, und ich versuche, vor 21 Uhr etwas Essbares für die Familie aufzutreiben. 
So schließt sich der Kreis. 
Vor fast drei Jahren kam ich hier mit meinen Kindern an. Ich hatte noch kein Haus, es war heiß, es war Ramadan, und ich versuchte, tagsüber etwas Essbares aufzutreiben.“  --- 
Aber die Anstrengungen des Umzugs haben mich schachmatt gesetzt; wenn ich nichts zu tun hatte, habe ich nichts getan, außer in den hellen Himmel zu starren. Und so komme ich erst später, schon lange nicht mehr im Hotel und in Marokko, zum Schreiben.

Jetzt ist es die berüchtigte Leere, die eine Leidensgenossin erst vor kurzer Zeit benannt hatte und die sich wie eine weiße Wüste in mir auszubreiten droht, gegen die ich anschreibe.
Eine innere Leere, die Folge ist von wochenlanger hoher Belastung bei gleichzeitiger Verdrängung jeglicher Gefühle ebenso wie Fragen nach der Zukunft und nach der Summe der Verluste.
Eine Leere, die ich mir –natürlich- nicht vorstellen konnte, als ich noch mit Highspeed hin und her flitzte: zwischen dem Schlachthof, wo ich neben stinkenden Hallen beim Amtsveterinär auf der Suche war nach einer Bescheinigung für den Transport des Hundes nach Deutschland, und dem Zuhause, wo ich den Ehemann, der wieder in die Arbeit musste, abzulösen hatte bei der Kontrolle der Containerbeladung. (Wo waren die Kinder? Keine Ahnung. Bei Freunden, alleine am Hotelpool? Nur gegen Mittag tauchte die Überlegung auf, wie viele Personen ich nun wo mit Nahrung versorgen müsste.)  

Also wieder zurück zum Resümee, das ich so gerne schon im Hotel angestellt hätte. 
Ist ein Stück meines Herzens in Marokko, oder, um größer zu sprechen, in der islamischen Welt geblieben? Natürlich. Wie in allen Angelegenheiten folgte auch hier die Anpassung unmerklich, und die Jahre an den unchristlichen Küsten des Mittelmeers haben ihre Spuren hinterlassen. 

So habe ich mir tatsächlich angewöhnt, an jeden in die Zukunft gerichteten Satz, z.B. auch die Antwort auf die Frage, ob wir uns dann nächste Woche bei der Botschafterin sehen, ein „Inshallah“ anzuhängen. 
Wie habe ich diese Floskel in den ersten Jahren gehasst, wenn ich den Klempner, der in der Türkei das Klo reparieren sollte, festlegen wollte, ob er denn am nächsten Tag damit fortfahren würde! Ein „So Gott will!“ erschien mir wie Hohn, wie ein Eingeständnis der vollkommenen Inkompetenz, Unzuverlässigkeit und Gleichgültigkeit des Handwerkers, und erzürnte mich unbändig. 
‚Entweder du weißt ob du kommen kannst oder du weißt es nicht, was ist denn so verdammt schwer daran, sich festzulegen; so werdet ihr es nie in die EU schaffen!‘, solche und ähnliche überhebliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. 
Es hat einige Jahre gedauert, mindestens bis Libyen, bis ich mich in die Mentalität eingefunden hatte und begriffen habe, dass „Inshallah“ erstens oft wirklich nur eine Floskel ist. Dass diese Floskel zweitens von der Einsicht kündet, dass man nicht alles, eigentlich sogar recht wenig, im Leben steuern kann und man deshalb immer geduldig das Einverständnis einer höheren Macht einholen sollte – was natürlich in kolossalem Widerspruch steht zu der im Westen immer noch recht beliebten Illusion der Kontrollierbarkeit des eigenen Schicksals; und dem Zwang, dies auch zu tun. Und dass es drittens sogar höflicher ist, ein „Inshallah“ einzuschieben: platzt dann eine Verabredung, so ist das keinesfalls persönlich zu nehmen.

Zum Teil lebe ich diese Haltung inzwischen selber. Ich lege mich nicht mehr zu hundert Prozent fest und mache mir auch keine Gedanken darüber. Wenn ich keine Lust habe, sage ich eine Feier kurzfristig ab. Wenn der Klempner sagt, er wird um zehn Uhr kommen, nicke ich zustimmend, und wenn mir später einfällt, dass ich um 9 Uhr zum Frühstück verabredet bin, gehe ich selbstverständlich hin. Vielleicht bin ich um zwanzig nach 10 wieder daheim und der Klempner war noch gar nicht da; oder er hat sich wieder getrollt, als ihm niemand die Tür geöffnet hat, und kommt am Nachmittag wieder. In der Zwischenzeit spüle ich die Toilette mit einem großen Wasserschwall aus den Kanistern, die bei uns seit Afrika immerzu gefüllt in jedem Bad stehen.

Am deutlichsten habe ich meine kleine islamische Kulturwurzel bemerkt, als ich neulich in der Botschaft in Rom flotte deutsch-italienische Konversation betreiben wollte: mir ist am Ende meines Satzes, mit dem ich meine rasche Anpassungsfähigkeit (an Italien) demonstrieren wollte, nichts anderes eingefallen als: „Inshallah“!


Ein weiteres Beispiel:
Über die vermeintliche Unachtsamkeit, die viele Araber an den Tag legen, kann man sich täglich bis an den Rand des Herzinfarkts aufregen, oder man kann den Spieß umdrehen. 
Wenn ich in Marokko immer wieder zugeparkt werde und hupend warten muss, bedeutet es umgekehrt, dass ich meinen Wagen auch mal zehn oder zwanzig oder dreißig Minuten in dritter Reihe stehen lassen kann. Wenn ein Autofahrer raus möchte, wird er mich schon in der Reinigung / der Metzgerei / dem Blumenladen finden. 
Wenn mein Auto ständig Kratzer abbekommt, heißt es auch, dass ich mir bei einem engen Parkplatz keine Gedanken machen muss, wie ich die Tür aufbekomme oder hinausmanövrieren kann, ohne Spuren zu hinterlassen (gar nicht, etwas Verlust ist immer; aber damit können die anderen Autofahrer leben).

…und in fränkischen Städten sorgt es schon für lauten Unmut, wenn ich meine Freundin mit Kindern in der Fußgängerzone treffe, wir stehen bleiben, und manche Passanten tatsächlich einen Bogen um uns machen müssen. 
An dieser Stelle habe ich einen kleinen Kulturschock erlitten.







Freitag, 9. Mai 2014

Abenteuer in Ain Aouda


Ich weiß nicht, ob ich lachen oder verzweifelt sein soll. 
Da will ich über mein außergewöhnliches Leben berichten, und was kommt rüber: meine Welt sei klein und langweilig. 
Meine Tage haben, verdammt noch mal, Glamour, sieht das denn niemand?

Deshalb, auch nach dem ganzen Langeweile-Brimborium, eine kleine, feine, funkelnde Action-Geschichte: Abenteuer in Ain Aouda

Wir sind noch nicht lange in Rabat und waren mit einigen Frauen in der Nähe eines Vororts, Ain Aouda, wandern. In dem Jagdgebiet irgendeines Prinzen, dessen Namen ich vergessen habe, wo Wildschweine unseren Weg kreuzten und es nach wildem Oregano und Eukalyptus riecht. 
Nun stehe ich neben A. auf dem Markt und übersetze für sie. Sie will wissen, was das für ein Gewürz ist, aber so viel Arabisch spreche ich nicht.
„Probier‘ es doch einfach“, sage ich ungeduldig. 
Mir ist nicht wohl auf diesem sehr armen Suq, ich habe registriert, wie uns die Einheimischen beobachten; obwohl direkt vor den Toren Rabats gelegen, hat sich hierhin bestimmt noch nie eine Ausländerin verirrt. Wir sind Schaulustige der Armut und gleichzeitig exotische Exponate westlicher Lebensart, hier Funktionskleidung und teure Kamera vor der Brust, dort schlechte Zähne, Krankheit und Schmutz. Naja, bin auch selber schuld, genauso hatte ich ihn den Anderen angepriesen: nirgendwo sonst in Marokko würde sich mehr Authentizität finden lassen, inklusive des Gestanks des Tierkots und des Gedränges in den engen Gassen.
„Nee, ich kann doch nicht einfach probieren!“, entgegnet A.
„Doch, das machen alle so!“ 
Ich wollte gerade meinen Knoblauch bezahlen, aber nun nehme ich eine Prise des rötlichen Pulvers zwischen meine Fingerspitzen; die andere Hand hält den Geldbeutel fest umklammert. 
Hilft nichts. 
In dem Augenblick reißt ihn mir jemand aus der Hand, blitzschnell und kräftig, und rennt damit weg. Nein, das darf nicht sein! Ich habe es kommen sehen, aufgepasst, und jetzt ist es trotzdem passiert! Nein, nein, nein, nicht mit mir! Ich höre mich schreien, ein unnatürlicher, tierischer Laut, ich bin längst auf Autopilot, und der hat entschieden: Wut statt Angst, Adrenalin freigeben, Rucksack gut festhalten, immer wieder laut brüllen und nicht entkommen lassen. Ich hechte hinterher, schubse die Frauen in ihren einfachen Djellabas weg, springe über am Boden ausgebreitetes Gemüse, über lebende Hühner, schlage die gleichen Haken wie er, flitze an erschrockenen Gesichtern vorbei, „Uuaahh!“, ich werde ihn nicht entkommen lassen. Er ist nur eine knappe Armlänge von mir entfernt, ich starre konzentriert auf sein schwarzes Käppi.
Und rutsche nach meinem nächsten Sprung über eine Gänseschar in einer grünlichen, stinkenden Schmiere aus. Rappele mich sofort wieder auf, spüre keinen Schmerz, aber nun ist der Dieb mir natürlich einige Sekunden voraus. 
A. steht neben mir, Pfefferspray in der Hand, daheim in Deutschland ist sie Polizistin. Sie hatte ihn auf einer parallelen Spur verfolgt, in der Absicht, ihm den Weg abzuschneiden, wir rennen weiter, nun begleitet von einigen Uniformierten, hat das Schreien doch etwas gebracht?

Nein, wir haben ihn verloren, stehen auf einem großen Platz, die uns umringenden Gendarmen machen sich gar nicht die Mühe, mich zu befragen, reden mit den mitgerannten Händlern. 
„Cicatrices“, Narben im Gesicht, so beschreiben diese den Dieb, „Fransa?“, das gilt uns, die Händler verneinen, „Safara almaniya“ (Deutsche Botschaft), antworten sie. Herrje, hat sich das schnell herumgesprochen, wer wir sind, das Auto mit dem Diplo-Kennzeichen steht am anderen Ende des Suks, wahrscheinlich hat der ganze Markt jede unserer Bewegungen registriert, hatte ich doch recht mit meinem Gefühl. 
Ich werde in einen vergitterten Einsatzbus geschoben, A. wird zur Seite gedrängt, mein Kopf wummert, das Blut rauscht und pocht gegen die Schläfen. Wir fahren zu einem älteren Gendarmen, der in seinem Auto schläft, brummelig gibt er einige Anweisungen, die jungen Kerle, „forces auxilliers“ lese ich auf ihrem Rücken, nur Hilfspolizisten, rasen weiter zur Gendarmerie.

Als ich schon auf einem kaputten Holzstuhl sitze und mich mit meiner Story bis zum Hauptkommissar durchgearbeitet habe – inklusive der fünfmal wiederholten, immens interessanten Antwort, dass ich verheiratet sei und zwei Kinder habe – kommt auch A. an. Sie war geistesgegenwärtig genug, die zu Salzsäulen erstarrten anderen Ehefrauen vom Suk einzusammeln und sich den Weg zu mir durchzufragen. Entsetzt sieht sie mich an.
„Du Ärmste! War viel Geld drinnen? Brauchst du Hilfe? Soll ich dir beistehen? Ich hab meinen Google-Übersetzer dabei!“ 
Fragend blicke ich zurück. Hilfe wobei? Das ist das Leben, shit happens, irgendwie kann ich den Dieb sogar verstehen – keinen Job, keine Kohle, und da spazieren diese Sahnehäubchen von Europäerinnen an mit richtig, richtig viel Geld in der Tasche -, es gelingt mir zumindest nicht, ihn zu hassen, und auch sonst ist jeder Ärger nutzlos. 
Nein, ich fühle mich großartig, immer noch im Adrenalinrausch, wach und klar im Kopf, in meiner eigenen absurden Actionkomödie: Der Hauptkommissar nimmt gerade meine Hand, führt sie an seine Nase, um den Geruch meiner Haut mit dem Geruch des Geldes zu vergleichen, das seine Mitarbeiter soeben einem Verdächtigen abgenommen haben. 
Seine Augen leuchten, weil nun zwei rotwangig erregte Blondinen mit zerzausten Haaren, bloßen Armen und engen Jeans in seinem kahlen, schimmligen Büro sitzen. Später wird er mir noch versichern, dass er mich beschützen wird, und mir seine Handynummer geben, für alle Fälle; er sieht ein bisschen aus wie ein ergrauter Errol Flynn und fühlt sich wohl auch so.


„Elle est aussi mariée“, sie ist auch verheiratet, bemerke ich trocken, als er sich A. zuwendet, mit der wichtigsten Frage, die einem marokkanischen Gendarmen auf dem Herzen zu brennen scheint.




Mittwoch, 12. März 2014

Rückkehrer Teil 2: Rom oder die Wehmut im Weltdorf

Dass es Zeit wird, Nordafrika den Rücken zu kehren, bemerkte ich beim letzten Kurzurlaub in Andalusien. Schon nach der Überfahrt von Tanger nach Tarifa fragte Blondie mit der perfekten Einfachheit, die nur 9-Jährigen zu Eigen ist, warum Spanien nicht so dreckig sei wie Marokko. 
Wie kann man diese Frage ebenso klar und präzise beantworten, ohne weit auszuholen oder unzulässig zu vereinfachen? Mit Armut, dem politischen System, kulturellen Unterschieden?
Die Kinder hielten sich nicht lange mit meiner stolpernden Suche nach einer inhaltlich (und politisch) korrekten Erklärung auf; ihre ungehemmte Begeisterung entflammte wieder: angesichts müllfreier Strände und sauberer Toiletten.

Am meisten angetan waren sie jedoch von den Zebrastreifen. 
Immer und immer wieder. 
„Mama, die halten an!“, kreischten Kleine und Große mit dem gleichen ungläubigen Entzücken.
„Die Autos halten an, wenn wir über die Straße wollen!“ – 
Und ich, ich war ergriffen von Rührung und schlechtem Gewissen. Es war vielleicht übertrieben; ich weiß, dass wir unseren Kindern mit dem Expatleben nicht nur viel zumuten, sondern auch viel geben, aber in dem Moment war der Gedanke plötzlich sehr stark: wir müssen Marokko verlassen, bevor es anfängt, uns zu zermürben.

Und nun also, ab Sommer, werden wir wegziehen: nicht nach Berlin, wie vorgesehen, sondern nach Rom. 
Vielleicht ist das Schicksal der Meinung, wir sollten uns nur langsam dem Norden annähern, noch ein bisschen wohltemperiertes italienisches Chaos mitnehmen, um keinen zu großen Kulturschock zu erleiden. 
Wie der so aussehen könnte, dafür lieferte die Große neulich einen Vorgeschmack:

Sie bat darum, für ihre bevorstehende Geburtstagsfeier die Aktzeichnungen aus unserem Wohnzimmer zu entfernen. Die Zeichnungen, mit denen sie groß geworden ist, die selbst in Libyen schon an den Wänden hingen, würden das Ehrgefühl ihrer Freundinnen verletzen! 
Das ist wohl die konservative Weltanschauung der Zwölfjährigen, noch verstärkt durch die verinnerlichten Gewohnheiten des Lebens in muslimischen Ländern. 
Nicht, dass ich das schlecht finde. 
Aber da wird sie sich ganz schön umschauen müssen in Rom, mit all den Plastiken und Bildern von überlebensgroßen Nackten: auf öffentlichen Plätzen, in den Kirchen und sogar in der Kapelle des Papstes!

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Die Abfolge der Emotionen, wenn man die Nachricht einer bevorstehenden Versetzung erhält, ist immer gleich, unabhängig von dem Land, in dem man sich auf- und den Lebensbedingungen, die man aushält. 
Zu der zarten Freude mischt sich die erstaunte Einsicht, dass irgendwie gerade jetzt, also quasi erst seit einigen Tagen, ALLES perfekt und rund läuft, nirgends mehr Sand im Getriebe knirscht und man voll bewusstem Glück jeden Moment genießen kann.
Und direkt nach der anschließenden, fiebrig-explosiven Erregung, die einem schlaflose Planungsnächte und dieses köstliche Erneuerungsgefühl beschert, kommen Abschiedsschmerz und Wehmut. 
Schon wieder so vieles zurücklassen müssen. 
Die ganze Energie nur in eine Richtung stecken. In die Zukunft. 
Manchmal kann ich das nicht.

Also ein letztes Mal wehmütig in den Süden fahren. 
An der Schabracke neben der Tankstelle süßen Minztee für die Fahrt holen, den Kindern in Agadir die Berber-Schrift zeigen, die mit ihren Dreiecken, Kreisen und Kreuzen aussieht wie Geometrie-Übungen für Erstklässler. 
Versonnen auf den silbrig glitzernden Atlantik starren, der nur hier so aussieht.

Schmerzlich-schön: wir reisen durchs Land und treffen überall auf Menschen, die wir bereits kennen. 
Sei es in Essaouira, wo wir uns mit Freunden, die sich ebenfalls dort aufhalten, spontan zum Mittagessen verabreden. Einem der schreiend und schiebend um unsere Gunst buhlenden Gastronomen im Hafen den Vorzug geben, halb verkohlten Kalamar vorgesetzt bekommen, der Jüngsten zusehen, wie sie aus den Scheren einer Riesenkrabbe Folterwerkzeug bastelt und ein Fischauge seziert, und uns von der Rauferei der benachbarten Grillbudenbesitzer unterhalten lassen.
Sei es in Agadir, wo eine Schulkameradin, die gerade nebenan in Taghazout urlaubt, die Älteste zum Surfen einlädt. 
Marokko ist ein Dorf.

Der Wiedersehens-Höhepunkt dann in Marrakesch: mein Stammcafé aus Libyen (und ein beliebter Expat-Treffpunkt) hat sich in Marokko verjüngt. Die Söhne des „O2“-Betreibers aus Tripolis versuchen seit einigen Monaten ihr Glück in Marrakesch, voller Heimweh und voller Lebenslust angesichts der neuen Möglichkeiten. Zuerst ungläubig, dann erfreut lachend begrüßen sie uns, servieren den Mädchen Pancakes mit Nutella, genau so, wie diese sie zwei Jahre lang mindestens alle zehn Tage nach der Schule gegessen haben, und ich bin tief bewegt. 
Ich kann nicht mehr nach Libyen, aber ein Teil meines libyschen Lebens kommt zu mir.

Was sagt uns das? Nicht nur Marokko, die ganze Welt ist ein Dorf! 
Und irgendwann sehen wir uns alle wieder!  
Auch die mir inzwischen so vertraute und irgendwie unterhaltsame Lebensart des Drängelns und Tricksens, des Durchwurschtelns und kreativen Grenzen-Übertretens - die werde ich bestimmt in Rom wiedersehen! 


                                                                                                   von rechts: Walid, Mouad und Zaid vom Café O2 Marrakech



Mittwoch, 5. Februar 2014

Handytausch à la Marocaine

Nach dem Regen sieht die Medina besonders erbärmlich aus. 
Nicht die rue des Consuls, wo Teppiche, Lederjacken und Handgeschnitztes für Touristen feilgeboten werden.
Aber die Mellah, das ehemalige Judenviertel, wo alte Bettler vor engen Hauseingängen kauern und selbst angeschimmeltes Gemüse noch Käufer findet.
Oder die schmalen Gassen hinter dem Sonntagstor, dem Bab el Had, wo es allerhand Elektronik zu kaufen gibt und junge Männer sich dichtgedrängt um Stände mit heißer Schneckensuppe scharen, um sich am Essen und an der Nähe zu den Anderen zu wärmen.

Dort war ich neulich unterwegs, um ein Bild rahmen zu lassen. 
Der Regen hatte nicht etwa die Straßen sauber gewaschen, sondern, zusammen mit dem Wind, den Müll an abschüssigen Stellen angesammelt.
Alte Frauen mit vor Verbitterung verzerrten Gesichtszügen, in denen nur Sozialromantiker anerkennend das „gelebte Leben“ sehen, zetern wegen irgendwas.
Einige Jungs, offenbar zusammengehörig, prügeln sich hart, bis einer von ihnen sich mit rotem Kopf, weinend und laut anklagend, von seiner Clique entfernt. Der Ältere lacht, beschwichtigend, verniedlichend. 
(So lernen die Kinder früh, wie sich Demütigung anfühlt; das Gefühl wird sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen.)

In solchen Momenten muss ich an bestimmte Sprüche denken, die durch das Internet geistern, wie: „Das Leben beginnt erst, wenn man die Komfortzone verlassen hat.“
Was wohl die Menschen hier mit ihrem herrlich unkomfortablen Leben dazu zu sagen hätten?

Auf dem Vorplatz, vor dem Nadelöhr des Toreinganges, steht eine blonde Touristin, die Arme unter der Brust verschränkt, und guckt mit versteinerter Miene ins Leere.
In dem vollbepackten Sträßchen, wo Handys zum Schleuderpreis verkauft werden, werde ich von einem schlacksigen Mann in einer schwarz-weiß gemusterter Kapuzenjacke angerempelt. Als ich mich misstrauisch zu ihm drehe und er meinen Blick auffängt, hält er schnell ein Handy in die Höhe. Ein weißes Smartphone.
„Vous cherchez un téléphone? Brauchen Sie ein Telefon?“
„Solang es nicht meines ist!“, rufe ich aus und taste instinktiv meine Handtasche ab. Alles noch da. Er sieht mich noch einen Augenblick an, wartet auf mein Kopfschütteln und hastet weiter.
Das ist ungewöhnlich. Niemand hastet. Niemand läuft schnell in Marokko.
Ich sehe ihm nach. 
Nach einigen Metern stellt er das weiße Handy beiläufig auf den schmalen Tisch eines Händlers und schreitet mit großen Schritten davon, verschwindet schließlich in der Menge.

„Werden hier auch manchmal Handys gestohlen?“, frage ich den Rahmenmacher.
„Aber nein, Madame, wo denken Sie hin?“ Dann senkt er den Kopf und murmelt verschämt, „…manchmal… das kann mal vorkommen…. das sind die Schwarzen, die Afrikaner, wissen Sie, denen kann man nicht trauen, schlimm, das ist schlimm!“

Als ich nach einer Viertelstunde zurückgehe, sind die Gassen voller Polizisten. Sie bringen sich breitbeinig in Position, lassen sich die Auslagen zeigen, schnippen einem Händler die Kappe vom Kopf. 
Die Männer zeigen nur lauernd ihre Angst. Ihre Verachtung ist ein Luxus, dem sie erst frönen werden, wenn die Polizisten sich zurückgezogen haben. Diese werden natürlich nicht fündig, sie nutzen nur die Gelegenheit, sich aufzuspielen, ihre Macht zu genießen.
(Macht, sichtbare, fühlbare Macht ist DAS Thema in Marokko.)

Ich laufe aus einiger Entfernung wieder an der blonden versteinerten Miene vorbei. Neben ihr steht der schlaksige Mann, der es vorhin noch so eilig hatte. Er ist dabei, sie mit aufgedrehter Unterwürfigkeit benommen zu quasseln.

In der Hand hält er ein kleines rotes Handy zum Aufklappen. 




Freitag, 17. Januar 2014

Einkaufen in Rabat


Dass bei Regen und Dämmerlicht kaum jemand seine Scheinwerfer anmacht und ich auf der Fahrt zum Einkaufen fast nichts sehe; dass ich nur in Zeitlupentempo auf den Parkplatz manövrieren kann, weil rechts in der Einfahrt ein Auto geparkt ist (das kommt schon mal vor, wenn die Leute nicht zu weit laufen wollen) und links eine Reihe von Einkaufswägen abgestellt ist; dass mein Auto alle paar Monate neue Dellen von diesen herrenlos herumtrollenden Einkaufswägen bekommt – geschenkt.

Im Supermarkt stinkt es. Nach Toilette und Fischabfällen. 
Mandarinen kosten umgerechnet 50 Cent das Kilo. 
Ich schiebe unter großer Kraftanstrengung den alten, quietschenden, stetig nach rechts abdriftenden Einkaufwagen durch die schmalen Gänge.

Als ich zur Kasse komme, sehe ich einen vollen Einkaufskorb auf dem Boden, aber weit und breit niemanden, dem er gehören könnte. Nachdem ich alle meine Waren auf das Band gelegt habe, kommt die Dame, die den Korb bestückt, in die Warteschleife vor die Kasse gestellt und dann noch Butter und Milch und Karotten und Fleisch und Nudeln und Paprika geholt hat. Sie kommt geräuschvoll. Rempelt mich 'versehentlich' an. Als ich mich umdrehe, blickt SIE MICH vorwurfsvoll an. Schließlich murmelt sie nachsichtig: "C'est pas grave. Das macht nichts."

Ich wende mich wieder meinem Vordermann zu. Der will gerade bezahlen, muss jedoch feststellen, dass er weder über Bargeld noch über funktionierende Karten verfügt. Das ist ihm aber nicht wirklich unangenehm. Er schäkert ein bisschen mit der Kassiererin, zeigt auf das obere Stockwerk, die Kassiererin nickt. Und dann schlurft er seelenruhig weg, total gechillt, die Waren vor der Kasse belassend, auf der Suche nach einem Geldautomaten. Selbstverständlich kann die Kassiererin nicht den Vorgang abschließen und währenddessen die anderen Kunden bedienen. Also warten. 

Ich schiele nach links. Lohnt es sich, wieder alles einzupacken und mich in die Nachbarschlange einzureihen? Eine Dame von großem Umfang in einer quietschblauen Jellaba packt ruhig einen Artikel nach dem anderen in die dünnen Plastiktüten. Über dieses gemächliche Tempo will ich mich gar nicht mokieren, das habe ich inzwischen zu schätzen gelernt. Wenn ich in Deutschland bei Aldi bin, komme ich mir vor wie eine Vorvorgestrige, aufgescheucht durch das Hypertempo der Jugend, bei dem sie nicht mithalten kann.

Soweit läuft es in der Schlange nebenan also gut. 
Aber halt! 
Die Kassiererin stockt. 
Blickt auf. 
Blickt wieder auf ihre Kasse. Die will nicht mehr. 
Langsam wendet die Kassiererin ihren Kopf wieder nach oben, sieht ihre Kundin an. 
Sieht sich ratlos im Raum um. 
Wendet sich wieder ihrer Kasse zu. 
Starrt sie an. 
Sieht sich wieder im Raum um. Kaugummikauend. Schleichend.
Erklärt der Kundin irgendetwas. 
Steht schließlich langsam auf. 
Brüllt markerschütternd: "M'hammed!!" 
Einige Kassierer heben kurz den Kopf. Aber niemand fühlt sich angesprochen. Nichts passiert. 
Sie setzt sich wieder. 
Wartet, den absplitternden Nagellack auf ihren Fingernägeln betrachtend. 
Es passiert immer noch nichts. 
Ihre Speckrollen zeichnen sich deutlich unter dem alten Kittel ab. Sie ist stark geschminkt, blaue glänzende Augen, rote Lippen. Obwohl sie jung ist, sieht ihr Gesicht schon verbraucht aus. Fleckige Haut, Kuhaugen, schiefe Zähne. 
Es ist faszinierend, wie wenig der Gedanke an die wartende Menge sie erschüttert. Als weder M'hammed noch sonst jemand kommt, um ihr zu helfen, steht sie nach einigen Minuten umständlich auf und wackelt wortlos davon.

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird, denn inzwischen läuft es in meiner Schlange wieder. Ein Dank an die Kasse links für die kurzweilige Unterhaltung in der Wartezeit.

Ich habe alles eingepackt, fahre mit dem Laufband nach oben. Als es zu Ende geht, bekommt die alte Dame vor mir ihren Wagen nicht weg vom Band. Er klemmt, lässt sich nicht schieben. Die Frau hat offenbar das selbe kaputte Wagenmodell wie ich und die Reaktionsgeschwindigkeit der Kassiererin von vorhin. 
Hilflos – und sich der Dringlichkeit der Situation wohl nicht bewusst -, blickt sie sich um. TACK! Da bin ich schon mit meinem Einkaufswagen aufgefahren, die Wägen sind verkeilt. TACK. Die nachkommenden Kunden werden nach oben gespült, jede Sekunde einer mehr. TACK. TACK. Drücken von hinten gegen mich, immer stärker. 
PANIK
Niemand kommt auf die Idee, nach hinten unten auszuweichen. 
Immer mehr Menschen DRÜCKEN, DRÜCKEN. 
Schließlich gelingt es einigen Männern, die ineinander verhakten Wägen zu lösen und so den Pfropfen zu öffnen, die gedrängte Menge löst sich auf. 

Da außer mir niemand aufgewühlt zu sein scheint, stellt sich die Frage: 
Warum klappt das nicht so recht mit mir und dem Fatalismus?