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Freitag, 9. Mai 2014

Abenteuer in Ain Aouda


Ich weiß nicht, ob ich lachen oder verzweifelt sein soll. 
Da will ich über mein außergewöhnliches Leben berichten, und was kommt rüber: meine Welt sei klein und langweilig. 
Meine Tage haben, verdammt noch mal, Glamour, sieht das denn niemand?

Deshalb, auch nach dem ganzen Langeweile-Brimborium, eine kleine, feine, funkelnde Action-Geschichte: Abenteuer in Ain Aouda

Wir sind noch nicht lange in Rabat und waren mit einigen Frauen in der Nähe eines Vororts, Ain Aouda, wandern. In dem Jagdgebiet irgendeines Prinzen, dessen Namen ich vergessen habe, wo Wildschweine unseren Weg kreuzten und es nach wildem Oregano und Eukalyptus riecht. 
Nun stehe ich neben A. auf dem Markt und übersetze für sie. Sie will wissen, was das für ein Gewürz ist, aber so viel Arabisch spreche ich nicht.
„Probier‘ es doch einfach“, sage ich ungeduldig. 
Mir ist nicht wohl auf diesem sehr armen Suq, ich habe registriert, wie uns die Einheimischen beobachten; obwohl direkt vor den Toren Rabats gelegen, hat sich hierhin bestimmt noch nie eine Ausländerin verirrt. Wir sind Schaulustige der Armut und gleichzeitig exotische Exponate westlicher Lebensart, hier Funktionskleidung und teure Kamera vor der Brust, dort schlechte Zähne, Krankheit und Schmutz. Naja, bin auch selber schuld, genauso hatte ich ihn den Anderen angepriesen: nirgendwo sonst in Marokko würde sich mehr Authentizität finden lassen, inklusive des Gestanks des Tierkots und des Gedränges in den engen Gassen.
„Nee, ich kann doch nicht einfach probieren!“, entgegnet A.
„Doch, das machen alle so!“ 
Ich wollte gerade meinen Knoblauch bezahlen, aber nun nehme ich eine Prise des rötlichen Pulvers zwischen meine Fingerspitzen; die andere Hand hält den Geldbeutel fest umklammert. 
Hilft nichts. 
In dem Augenblick reißt ihn mir jemand aus der Hand, blitzschnell und kräftig, und rennt damit weg. Nein, das darf nicht sein! Ich habe es kommen sehen, aufgepasst, und jetzt ist es trotzdem passiert! Nein, nein, nein, nicht mit mir! Ich höre mich schreien, ein unnatürlicher, tierischer Laut, ich bin längst auf Autopilot, und der hat entschieden: Wut statt Angst, Adrenalin freigeben, Rucksack gut festhalten, immer wieder laut brüllen und nicht entkommen lassen. Ich hechte hinterher, schubse die Frauen in ihren einfachen Djellabas weg, springe über am Boden ausgebreitetes Gemüse, über lebende Hühner, schlage die gleichen Haken wie er, flitze an erschrockenen Gesichtern vorbei, „Uuaahh!“, ich werde ihn nicht entkommen lassen. Er ist nur eine knappe Armlänge von mir entfernt, ich starre konzentriert auf sein schwarzes Käppi.
Und rutsche nach meinem nächsten Sprung über eine Gänseschar in einer grünlichen, stinkenden Schmiere aus. Rappele mich sofort wieder auf, spüre keinen Schmerz, aber nun ist der Dieb mir natürlich einige Sekunden voraus. 
A. steht neben mir, Pfefferspray in der Hand, daheim in Deutschland ist sie Polizistin. Sie hatte ihn auf einer parallelen Spur verfolgt, in der Absicht, ihm den Weg abzuschneiden, wir rennen weiter, nun begleitet von einigen Uniformierten, hat das Schreien doch etwas gebracht?

Nein, wir haben ihn verloren, stehen auf einem großen Platz, die uns umringenden Gendarmen machen sich gar nicht die Mühe, mich zu befragen, reden mit den mitgerannten Händlern. 
„Cicatrices“, Narben im Gesicht, so beschreiben diese den Dieb, „Fransa?“, das gilt uns, die Händler verneinen, „Safara almaniya“ (Deutsche Botschaft), antworten sie. Herrje, hat sich das schnell herumgesprochen, wer wir sind, das Auto mit dem Diplo-Kennzeichen steht am anderen Ende des Suks, wahrscheinlich hat der ganze Markt jede unserer Bewegungen registriert, hatte ich doch recht mit meinem Gefühl. 
Ich werde in einen vergitterten Einsatzbus geschoben, A. wird zur Seite gedrängt, mein Kopf wummert, das Blut rauscht und pocht gegen die Schläfen. Wir fahren zu einem älteren Gendarmen, der in seinem Auto schläft, brummelig gibt er einige Anweisungen, die jungen Kerle, „forces auxilliers“ lese ich auf ihrem Rücken, nur Hilfspolizisten, rasen weiter zur Gendarmerie.

Als ich schon auf einem kaputten Holzstuhl sitze und mich mit meiner Story bis zum Hauptkommissar durchgearbeitet habe – inklusive der fünfmal wiederholten, immens interessanten Antwort, dass ich verheiratet sei und zwei Kinder habe – kommt auch A. an. Sie war geistesgegenwärtig genug, die zu Salzsäulen erstarrten anderen Ehefrauen vom Suk einzusammeln und sich den Weg zu mir durchzufragen. Entsetzt sieht sie mich an.
„Du Ärmste! War viel Geld drinnen? Brauchst du Hilfe? Soll ich dir beistehen? Ich hab meinen Google-Übersetzer dabei!“ 
Fragend blicke ich zurück. Hilfe wobei? Das ist das Leben, shit happens, irgendwie kann ich den Dieb sogar verstehen – keinen Job, keine Kohle, und da spazieren diese Sahnehäubchen von Europäerinnen an mit richtig, richtig viel Geld in der Tasche -, es gelingt mir zumindest nicht, ihn zu hassen, und auch sonst ist jeder Ärger nutzlos. 
Nein, ich fühle mich großartig, immer noch im Adrenalinrausch, wach und klar im Kopf, in meiner eigenen absurden Actionkomödie: Der Hauptkommissar nimmt gerade meine Hand, führt sie an seine Nase, um den Geruch meiner Haut mit dem Geruch des Geldes zu vergleichen, das seine Mitarbeiter soeben einem Verdächtigen abgenommen haben. 
Seine Augen leuchten, weil nun zwei rotwangig erregte Blondinen mit zerzausten Haaren, bloßen Armen und engen Jeans in seinem kahlen, schimmligen Büro sitzen. Später wird er mir noch versichern, dass er mich beschützen wird, und mir seine Handynummer geben, für alle Fälle; er sieht ein bisschen aus wie ein ergrauter Errol Flynn und fühlt sich wohl auch so.


„Elle est aussi mariée“, sie ist auch verheiratet, bemerke ich trocken, als er sich A. zuwendet, mit der wichtigsten Frage, die einem marokkanischen Gendarmen auf dem Herzen zu brennen scheint.




Mittwoch, 5. Februar 2014

Handytausch à la Marocaine

Nach dem Regen sieht die Medina besonders erbärmlich aus. 
Nicht die rue des Consuls, wo Teppiche, Lederjacken und Handgeschnitztes für Touristen feilgeboten werden.
Aber die Mellah, das ehemalige Judenviertel, wo alte Bettler vor engen Hauseingängen kauern und selbst angeschimmeltes Gemüse noch Käufer findet.
Oder die schmalen Gassen hinter dem Sonntagstor, dem Bab el Had, wo es allerhand Elektronik zu kaufen gibt und junge Männer sich dichtgedrängt um Stände mit heißer Schneckensuppe scharen, um sich am Essen und an der Nähe zu den Anderen zu wärmen.

Dort war ich neulich unterwegs, um ein Bild rahmen zu lassen. 
Der Regen hatte nicht etwa die Straßen sauber gewaschen, sondern, zusammen mit dem Wind, den Müll an abschüssigen Stellen angesammelt.
Alte Frauen mit vor Verbitterung verzerrten Gesichtszügen, in denen nur Sozialromantiker anerkennend das „gelebte Leben“ sehen, zetern wegen irgendwas.
Einige Jungs, offenbar zusammengehörig, prügeln sich hart, bis einer von ihnen sich mit rotem Kopf, weinend und laut anklagend, von seiner Clique entfernt. Der Ältere lacht, beschwichtigend, verniedlichend. 
(So lernen die Kinder früh, wie sich Demütigung anfühlt; das Gefühl wird sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen.)

In solchen Momenten muss ich an bestimmte Sprüche denken, die durch das Internet geistern, wie: „Das Leben beginnt erst, wenn man die Komfortzone verlassen hat.“
Was wohl die Menschen hier mit ihrem herrlich unkomfortablen Leben dazu zu sagen hätten?

Auf dem Vorplatz, vor dem Nadelöhr des Toreinganges, steht eine blonde Touristin, die Arme unter der Brust verschränkt, und guckt mit versteinerter Miene ins Leere.
In dem vollbepackten Sträßchen, wo Handys zum Schleuderpreis verkauft werden, werde ich von einem schlacksigen Mann in einer schwarz-weiß gemusterter Kapuzenjacke angerempelt. Als ich mich misstrauisch zu ihm drehe und er meinen Blick auffängt, hält er schnell ein Handy in die Höhe. Ein weißes Smartphone.
„Vous cherchez un téléphone? Brauchen Sie ein Telefon?“
„Solang es nicht meines ist!“, rufe ich aus und taste instinktiv meine Handtasche ab. Alles noch da. Er sieht mich noch einen Augenblick an, wartet auf mein Kopfschütteln und hastet weiter.
Das ist ungewöhnlich. Niemand hastet. Niemand läuft schnell in Marokko.
Ich sehe ihm nach. 
Nach einigen Metern stellt er das weiße Handy beiläufig auf den schmalen Tisch eines Händlers und schreitet mit großen Schritten davon, verschwindet schließlich in der Menge.

„Werden hier auch manchmal Handys gestohlen?“, frage ich den Rahmenmacher.
„Aber nein, Madame, wo denken Sie hin?“ Dann senkt er den Kopf und murmelt verschämt, „…manchmal… das kann mal vorkommen…. das sind die Schwarzen, die Afrikaner, wissen Sie, denen kann man nicht trauen, schlimm, das ist schlimm!“

Als ich nach einer Viertelstunde zurückgehe, sind die Gassen voller Polizisten. Sie bringen sich breitbeinig in Position, lassen sich die Auslagen zeigen, schnippen einem Händler die Kappe vom Kopf. 
Die Männer zeigen nur lauernd ihre Angst. Ihre Verachtung ist ein Luxus, dem sie erst frönen werden, wenn die Polizisten sich zurückgezogen haben. Diese werden natürlich nicht fündig, sie nutzen nur die Gelegenheit, sich aufzuspielen, ihre Macht zu genießen.
(Macht, sichtbare, fühlbare Macht ist DAS Thema in Marokko.)

Ich laufe aus einiger Entfernung wieder an der blonden versteinerten Miene vorbei. Neben ihr steht der schlaksige Mann, der es vorhin noch so eilig hatte. Er ist dabei, sie mit aufgedrehter Unterwürfigkeit benommen zu quasseln.

In der Hand hält er ein kleines rotes Handy zum Aufklappen.