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Montag, 24. November 2014

Rom sehen - und dann?


Es tut gut, von den Händlern auf dem Wochenmarkt routiniert „Bellezza“ gerufen zu werden (wie ALLE anderen Frauen auch, aber das klammere ich schön aus!), denn als ich einen Pulli anprobiere und in den Spiegel sehe, erblicke ich im fahlen Licht der Herbstmorgensonne ein verknittertes Gesicht, durch das sich ein großer Strich zieht, von der Nase bis zum Kinn, landläufig als Falte bezeichnet. 
Ich erschauere. Irgendwann in den letzten Wochen muss ich gealtert sein. Oder die Aus-leuchtung in Marokko war vorteilhafter. 
Pfui kalte Sonne, pfui europäisches Herbstlicht!

Siamo arrivati a Roma!

Es ist eine schöne Stadt, an (fast) allen Ecken, imposant und prächtig. Und sehr katholisch. Eine fein ausgeschmückte Kirche nach der anderen. Hier Caravaggio, dort 1000 Jahre alte Fresken, das Blau immer noch so kräftig wie anno dazumal, weil die Farbe aus zerstoßenem Lapislazuli gewonnen wurde. Von den Schätzen des Petersdom ganz zu schweigen. Allerdings wird die Kunstfreude dort stark getrübt durch die schiere Masse der anderen Kunstfreunde: ihre Körper, Stimmen, Gerüche lenken mich so stark ab, dass ich nur wenig von der Schönheit der Kirche aufnehmen kann. 
Und das ist wirklich das Problem von Rom: überall, wo es schön ist, sind zu viele Menschen. Und dort, wo es nicht schön ist, sind zu viele Autos.

In Libyen musste man den Müll ignorieren, um glücklich zu werden, hier den Verkehr. Also fahre ich wie eine Libyerin, immer auf der Standspur am Stau vorbei – aber bitte nicht meinem Mann sagen; wenn er das macht, ist das natürlich total daneben. 

Wie viele Länder des Südens hat auch Italien seine eigenen ungeschriebenen Gesetze. Man kann sich vorsichtshalber überall deutsch verhalten, oder man probiert aus, was (de facto) erlaubt ist, indem man sich ein bisschen aus dem Fenster lehnt. Kann auch mal schiefgehen, macht aber Spass. ´
Durch die engen Gassen von Amalfis Innenstadt fahren? Geht; der Verkehrspolizist verzieht keine Miene. In das beschränkt befahrbare historische Herz von Rom? Geht auch, weil CD-Kennzeichen.
Als ich jedoch neulich auf den Stellplätzen einer diskret versteckten Polizeiwache parkte (halb unwissentlich, weil schlecht beschildert – und wen kümmert ein Parkverbotszeichen, wenn trotzdem überall Autos in zivil stehen?), wurden mir auf raffiniert-italienische Art meine Grenzen aufgezeigt: von der Via del Corso zurückkommend, stellte ich fest, dass ich zugeparkt und der Fahrer des Privatwagens der „forze polizia“ nirgendwo ausfindig zu machen war…. 
Der Verkehrspolizist wusste von nichts, sah keinen Handlungsbedarf, kannte auch keine Polizeiwache in der Nähe(!). Minutenlanges Hupen und Nachfragen in den Cafés am Platz brachten kein Ergebnis. Als ich mich schließlich über den Bürgersteig und durch die Kolonnaden hindurch retten wollte, stellte sich mir der aufgebrachte Polizist entgegen:
Papiere etc; Sie dürfen doch nicht auf dem Gehweg fahren, Signora!
Aber ich bin zugeparkt worden, das haben Sie doch mitbekommen. Wie lange hätte ich noch warten sollen?
Sie dürfen keinesfalls auf dem Gehweg fahren, Signora!
Aber ich bin zugeparkt worden, was hätte ich denn tun sollen?
Sie dürfen keinesfalls auf dem marciapiede….
Am Ende ließ mich der vermeintlich Ahnungslose mit folgenden Worten ziehen: „Parken Sie nie wieder auf einem parcheggio der Polizei!“ 
Versprochen, mach ich nie wieder, sofern ich ihn als solches erkenne! (Ich werde mich statt-dessen an die Taxistände halten, obwohl mein Mann behauptet, dort nicht ohne aufgeschlitzte Reifen davonzukommen.)

Und sonst:
Die Jüngste will keine schönen Gebäude sehen, sondern enge Gassen, Bettler und dunkelhäutige Händler; sie trägt bei ihrem ersten Besuch auf der Piazza Navona stur ihre geblümte Jellabah. Die Älteste wundert sich, dass eine Demonstration in Italien keine Sache ist, vor der irgend-jemand Angst hat, weder die Passanten noch die Regierung. Mein Mann vermisst das französische Brot und ich meine Freundinnen.

Die Fahrweise der italienischen Vespa- und Motorradfahrer lässt darauf schließen, dass sie die gleiche Todessehnsucht verspüren wie die Moto-Fahrer in Marrakesch. Dort mag übertriebenes Vertrauen in Allah die Ursache sein, aber hier? Die Sucht nach dem täglichen Adrenalinkick?

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Ich weiß nicht, ob ich den Blog weiterführen werde, ob das Leben in Italien so viel zum Schreiben hergibt. Obwohl es manchmal chaotisch ist und man ständig aufpassen muss, nicht übers Ohr gehauen zu werden (Kellner! Wechselgeld!), zeigen meine Alltagserfahrungen, dass eben vieles klappt und nur manches nicht – anders als in Arabien, wo man Geduld und Genüg-samkeit lernen musste und sich dann über die Maßen freute, wenn Erwartungen tatsächlich erfüllt wurden.

Außerdem arbeite ich an einem neuen Romanprojekt. Vielleicht stelle ich Auszüge davon in den Blog? 
On verra. 
A la prochaine. 
Ciao. 









Mittwoch, 5. Februar 2014

Handytausch à la Marocaine

Nach dem Regen sieht die Medina besonders erbärmlich aus. 
Nicht die rue des Consuls, wo Teppiche, Lederjacken und Handgeschnitztes für Touristen feilgeboten werden.
Aber die Mellah, das ehemalige Judenviertel, wo alte Bettler vor engen Hauseingängen kauern und selbst angeschimmeltes Gemüse noch Käufer findet.
Oder die schmalen Gassen hinter dem Sonntagstor, dem Bab el Had, wo es allerhand Elektronik zu kaufen gibt und junge Männer sich dichtgedrängt um Stände mit heißer Schneckensuppe scharen, um sich am Essen und an der Nähe zu den Anderen zu wärmen.

Dort war ich neulich unterwegs, um ein Bild rahmen zu lassen. 
Der Regen hatte nicht etwa die Straßen sauber gewaschen, sondern, zusammen mit dem Wind, den Müll an abschüssigen Stellen angesammelt.
Alte Frauen mit vor Verbitterung verzerrten Gesichtszügen, in denen nur Sozialromantiker anerkennend das „gelebte Leben“ sehen, zetern wegen irgendwas.
Einige Jungs, offenbar zusammengehörig, prügeln sich hart, bis einer von ihnen sich mit rotem Kopf, weinend und laut anklagend, von seiner Clique entfernt. Der Ältere lacht, beschwichtigend, verniedlichend. 
(So lernen die Kinder früh, wie sich Demütigung anfühlt; das Gefühl wird sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen.)

In solchen Momenten muss ich an bestimmte Sprüche denken, die durch das Internet geistern, wie: „Das Leben beginnt erst, wenn man die Komfortzone verlassen hat.“
Was wohl die Menschen hier mit ihrem herrlich unkomfortablen Leben dazu zu sagen hätten?

Auf dem Vorplatz, vor dem Nadelöhr des Toreinganges, steht eine blonde Touristin, die Arme unter der Brust verschränkt, und guckt mit versteinerter Miene ins Leere.
In dem vollbepackten Sträßchen, wo Handys zum Schleuderpreis verkauft werden, werde ich von einem schlacksigen Mann in einer schwarz-weiß gemusterter Kapuzenjacke angerempelt. Als ich mich misstrauisch zu ihm drehe und er meinen Blick auffängt, hält er schnell ein Handy in die Höhe. Ein weißes Smartphone.
„Vous cherchez un téléphone? Brauchen Sie ein Telefon?“
„Solang es nicht meines ist!“, rufe ich aus und taste instinktiv meine Handtasche ab. Alles noch da. Er sieht mich noch einen Augenblick an, wartet auf mein Kopfschütteln und hastet weiter.
Das ist ungewöhnlich. Niemand hastet. Niemand läuft schnell in Marokko.
Ich sehe ihm nach. 
Nach einigen Metern stellt er das weiße Handy beiläufig auf den schmalen Tisch eines Händlers und schreitet mit großen Schritten davon, verschwindet schließlich in der Menge.

„Werden hier auch manchmal Handys gestohlen?“, frage ich den Rahmenmacher.
„Aber nein, Madame, wo denken Sie hin?“ Dann senkt er den Kopf und murmelt verschämt, „…manchmal… das kann mal vorkommen…. das sind die Schwarzen, die Afrikaner, wissen Sie, denen kann man nicht trauen, schlimm, das ist schlimm!“

Als ich nach einer Viertelstunde zurückgehe, sind die Gassen voller Polizisten. Sie bringen sich breitbeinig in Position, lassen sich die Auslagen zeigen, schnippen einem Händler die Kappe vom Kopf. 
Die Männer zeigen nur lauernd ihre Angst. Ihre Verachtung ist ein Luxus, dem sie erst frönen werden, wenn die Polizisten sich zurückgezogen haben. Diese werden natürlich nicht fündig, sie nutzen nur die Gelegenheit, sich aufzuspielen, ihre Macht zu genießen.
(Macht, sichtbare, fühlbare Macht ist DAS Thema in Marokko.)

Ich laufe aus einiger Entfernung wieder an der blonden versteinerten Miene vorbei. Neben ihr steht der schlaksige Mann, der es vorhin noch so eilig hatte. Er ist dabei, sie mit aufgedrehter Unterwürfigkeit benommen zu quasseln.

In der Hand hält er ein kleines rotes Handy zum Aufklappen.