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Montag, 18. Mai 2015

Rom und die Süße des banalen Lebens



Da bin ich wieder, weltwärts gewandt nach dem nassen Winter, in dem ich kaum geschrieben, aber viel Italienisch und interessante Leute kennen gelernt habe. 
Eine von ihnen hat direkt eine Lesung für mich organisiert, in ihrem Salon am Campo de‘ Fiori. Danke, Anke!



Rom ist immer noch eine schöne und immer noch eine anstrengende Stadt: im Winter bricht der Himmel auseinander und schüttet so lange Wasser aus, bis auch ich davon überzeugt bin, dass hier Afrika beginnt – wenn nämlich der Verkehr zum Erliegen kommt. 
Warum? 
Weil es regnet. 
Das ist so in Entwicklungsländern, Gullis verstopft, Unterführungen überschwemmt, stop and go über 20 km hinweg….
Und im Sommer schwärmen die Touristen und die Motorinofahrer aus, verstopfen die Straßen und strapazieren meine Sinne und meine Reaktionsfähigkeit. (Immer wieder erstaunt mich das Vertrauen, das die Motorradfahrer in mich setzen, wenn sie in haarigen Situationen – gleichzeitig! – von rechts und links an mir vorbeipreschen. Wissen sie denn nicht, dass ich mir zum Schutz meiner Nerven bereits in Libyen abgewöhnt habe, in die Spiegel zu schauen?)

Trotzdem genieße ich Italien, genieße es, zu beobachten, ohne selber so sehr im Fokus zu stehen, wie das die ganzen letzten Jahre (als großgewachsene hellhäutige Frau) in arabischen oder afrikanischen Ländern nun mal der Fall war. 
Ich genieße das Reisen. Und wenn ich eine so morbid-schöne, bis zum Erbrechen mit Menschen gefüllte Stadt wie Venedig wieder verlasse, genieße ich es auch, wieder in Regionen zu kommen, in denen der Latte Macchiato 1,30 statt 13 Euro kostet und etwas vom normalen Italien jenseits der Inszenierung durchschimmert.
Gutes Essen, zum Beispiel, gibt es in jeder Trattoria abseits der Straße. Das Lokal neben der großen Autobahnbaustelle, in der fast nur Arbeiter verkehren? Serviert Pasta mit Trüffel! Allerdings auch unerwartet heitere Momente, als es versucht, sich kosmopolitisch zu geben. An der dreisprachigen Speisekarte hat sich offenbar jemand mit Internet-, nicht jedoch mit Sprachkenntnissen ausgetobt, deshalb bietet sie Nudeln mit Erbsen und Beidrehen an, ferner Nudeln mit Schinken und Beidrehen oder mit Pilzen und Beidrehen(Auf Italienisch: Pappardelle con piselli e panna, con prosciutto e panna, con funghi e panna). 
Wie kommt man dazu, Herr im Himmel, panna, also Sahne, mit Beidrehen zu übersetzen? Ich schaffe es nicht, meine Bestellung aufzugeben, weil Lachtränen mir Mascara in die Augen reiben und den Blick vernebeln. Das Weiterblättern macht es auch nicht besser: Risotto con funghi wird dort mit „Lachen“ übersetzt, gleich zweisprachig, Lachen mit Pilzen oder laughing with mushrooms. Nun ist es aus mit mir, ich kreische vor Vergnügen, liege japsend auf dem Tisch, „Mama, du bist peinlich“ „Du bist ja ganz rot im Gesicht!“ „Dir läuft die Schminke runter!“, rufen meine Töchter.

Wieder zurück in Rom trete ich meinen Nebenjob in der Herder-Buchhandlung am Vatikan an, wo ich vom Panoramafenster (in Ruhe!) die Touristen auf dem Petersplatz beobachten kann. Sehe, wie sie stundenlang Schlange stehen, um in den Dom zu gelangen. Wie sie anschließend wieder warten, bei Nieselregen säuberlich aufgereiht am großen Taxistand des Piazza Pio, da in Rom beim ersten Anzeichen von grauen Wolken kein Taxi mehr aufzutreiben ist, und stolz die wichtigste antrainierte Touristentugend beweisen: Geduld.
Die Süße des italienische Lebens wird eindeutig überbewertet.
Oder vielleicht wird das Vergnügen des Reisens in Zeiten des Massentourismus überbewertet? 

Und, das Wichtigste überhaupt, das Wichtigste zum Schluss: 
Ich habe mein Kinderbuch veröffentlicht. „Marissa. Abenteuer in Marokko“ ist ein Märchen für Kinder ab 8 Jahren. Erhältlich über Amazon, auch in Italien. Das wunderschöne Cover stammt übrigens von Brigitte Stühler.




Und jetzt widme ich mich tatsächlich wieder dem Schreiben. Und dem Sommer. 
Ciao, baci da Roma.





Montag, 24. November 2014

Rom sehen - und dann?


Es tut gut, von den Händlern auf dem Wochenmarkt routiniert „Bellezza“ gerufen zu werden (wie ALLE anderen Frauen auch, aber das klammere ich schön aus!), denn als ich einen Pulli anprobiere und in den Spiegel sehe, erblicke ich im fahlen Licht der Herbstmorgensonne ein verknittertes Gesicht, durch das sich ein großer Strich zieht, von der Nase bis zum Kinn, landläufig als Falte bezeichnet. 
Ich erschauere. Irgendwann in den letzten Wochen muss ich gealtert sein. Oder die Aus-leuchtung in Marokko war vorteilhafter. 
Pfui kalte Sonne, pfui europäisches Herbstlicht!

Siamo arrivati a Roma!

Es ist eine schöne Stadt, an (fast) allen Ecken, imposant und prächtig. Und sehr katholisch. Eine fein ausgeschmückte Kirche nach der anderen. Hier Caravaggio, dort 1000 Jahre alte Fresken, das Blau immer noch so kräftig wie anno dazumal, weil die Farbe aus zerstoßenem Lapislazuli gewonnen wurde. Von den Schätzen des Petersdom ganz zu schweigen. Allerdings wird die Kunstfreude dort stark getrübt durch die schiere Masse der anderen Kunstfreunde: ihre Körper, Stimmen, Gerüche lenken mich so stark ab, dass ich nur wenig von der Schönheit der Kirche aufnehmen kann. 
Und das ist wirklich das Problem von Rom: überall, wo es schön ist, sind zu viele Menschen. Und dort, wo es nicht schön ist, sind zu viele Autos.

In Libyen musste man den Müll ignorieren, um glücklich zu werden, hier den Verkehr. Also fahre ich wie eine Libyerin, immer auf der Standspur am Stau vorbei – aber bitte nicht meinem Mann sagen; wenn er das macht, ist das natürlich total daneben. 

Wie viele Länder des Südens hat auch Italien seine eigenen ungeschriebenen Gesetze. Man kann sich vorsichtshalber überall deutsch verhalten, oder man probiert aus, was (de facto) erlaubt ist, indem man sich ein bisschen aus dem Fenster lehnt. Kann auch mal schiefgehen, macht aber Spass. ´
Durch die engen Gassen von Amalfis Innenstadt fahren? Geht; der Verkehrspolizist verzieht keine Miene. In das beschränkt befahrbare historische Herz von Rom? Geht auch, weil CD-Kennzeichen.
Als ich jedoch neulich auf den Stellplätzen einer diskret versteckten Polizeiwache parkte (halb unwissentlich, weil schlecht beschildert – und wen kümmert ein Parkverbotszeichen, wenn trotzdem überall Autos in zivil stehen?), wurden mir auf raffiniert-italienische Art meine Grenzen aufgezeigt: von der Via del Corso zurückkommend, stellte ich fest, dass ich zugeparkt und der Fahrer des Privatwagens der „forze polizia“ nirgendwo ausfindig zu machen war…. 
Der Verkehrspolizist wusste von nichts, sah keinen Handlungsbedarf, kannte auch keine Polizeiwache in der Nähe(!). Minutenlanges Hupen und Nachfragen in den Cafés am Platz brachten kein Ergebnis. Als ich mich schließlich über den Bürgersteig und durch die Kolonnaden hindurch retten wollte, stellte sich mir der aufgebrachte Polizist entgegen:
Papiere etc; Sie dürfen doch nicht auf dem Gehweg fahren, Signora!
Aber ich bin zugeparkt worden, das haben Sie doch mitbekommen. Wie lange hätte ich noch warten sollen?
Sie dürfen keinesfalls auf dem Gehweg fahren, Signora!
Aber ich bin zugeparkt worden, was hätte ich denn tun sollen?
Sie dürfen keinesfalls auf dem marciapiede….
Am Ende ließ mich der vermeintlich Ahnungslose mit folgenden Worten ziehen: „Parken Sie nie wieder auf einem parcheggio der Polizei!“ 
Versprochen, mach ich nie wieder, sofern ich ihn als solches erkenne! (Ich werde mich statt-dessen an die Taxistände halten, obwohl mein Mann behauptet, dort nicht ohne aufgeschlitzte Reifen davonzukommen.)

Und sonst:
Die Jüngste will keine schönen Gebäude sehen, sondern enge Gassen, Bettler und dunkelhäutige Händler; sie trägt bei ihrem ersten Besuch auf der Piazza Navona stur ihre geblümte Jellabah. Die Älteste wundert sich, dass eine Demonstration in Italien keine Sache ist, vor der irgend-jemand Angst hat, weder die Passanten noch die Regierung. Mein Mann vermisst das französische Brot und ich meine Freundinnen.

Die Fahrweise der italienischen Vespa- und Motorradfahrer lässt darauf schließen, dass sie die gleiche Todessehnsucht verspüren wie die Moto-Fahrer in Marrakesch. Dort mag übertriebenes Vertrauen in Allah die Ursache sein, aber hier? Die Sucht nach dem täglichen Adrenalinkick?

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Ich weiß nicht, ob ich den Blog weiterführen werde, ob das Leben in Italien so viel zum Schreiben hergibt. Obwohl es manchmal chaotisch ist und man ständig aufpassen muss, nicht übers Ohr gehauen zu werden (Kellner! Wechselgeld!), zeigen meine Alltagserfahrungen, dass eben vieles klappt und nur manches nicht – anders als in Arabien, wo man Geduld und Genüg-samkeit lernen musste und sich dann über die Maßen freute, wenn Erwartungen tatsächlich erfüllt wurden.

Außerdem arbeite ich an einem neuen Romanprojekt. Vielleicht stelle ich Auszüge davon in den Blog? 
On verra. 
A la prochaine. 
Ciao. 









Freitag, 4. April 2014

Gelangweilte Ehefrauen... und ihre Kinder

In einem Anfall von bedingungsloser Hingabe an den Augenblick (den Augenblick, als ich mich damit im Spiegel sah), habe ich mir einen roten Seidenkaftan gekauft, so sehr 1001-Nacht, dass ein starkes Verlangen nach Glamour vonnöten sein wird, um den Mut aufzubringen, ihn jemals anzuziehen.
Das war ein Expat-Hausfrauen-Moment wie aus dem Klischeelehrbuch: Geht vormittags los, um Zwiebeln zu kaufen, und kommt mit einem Abendkleid zurück. 
Wie ich auf dieses Thema komme? Eine Leserin meines Romans bemerkte kritisch, er würde nur von gelangweilten Ehefrauen handeln. Ich stimme zwar nicht zu, die anfangs gelangweilten Damen lassen es schließlich ordentlich krachen und der Arabische Frühling trägt noch sein Übriges bei.
Aber sei’s drum. Vielleicht war es an der Zeit, auch deren Geschichten zu erzählen, auch den Diplo-Hausfrauen eine Stimme zu geben. (Und, by the way, was ist Betty Draper anders als eine gelangweilte Hausfrau? Und trotzdem sieht man ihr gerne zu.) 
Ich will mich nicht mit Betty Draper vergleichen, wohl aber das Expat-Ehefrauenleben mit dem 50er-Jahre-Ehefrauenleben. Aber im positiven Sinne.
Wie lange habe ich mich innerlich gegen diese besondere Art des Lebens, in das ich aufgrund von Heirat hineingeraten bin, gesträubt. Weil mein Kopf voller Vorurteile war, voller Urteile anderer über mein Leben. Urteile, die hauptsächlich auf Neid basieren.

Ja, ich habe viel Zeit bei Coffee-Mornings verbracht, bei denen die Gastgeberinnen sich enorme Mühe gegeben hatten, und habe staunend den Flachsinn der Gesprächsbeiträge über mich ergehen lassen – und es genossen, dass ich trotz meiner spöttelnden Haltung dazugehörte. 
(Danke an all die lieben Bekannten und Freundinnen, die mich die Jahre hindurch eingeladen haben! Ich weiß es zu schätzen! Bitte weiterhin einladen!)
Aber mal abgesehen davon, dass Hausfrauen und Mütter durchaus einiges zu tun haben und eine Menge Verantwortung tragen (das muss ich niemandem weiter erläutern, oder?) – ist es nicht schön, auch Zeit übrig zu haben, die man einfach so verschwenden kann? War das früher nicht mal ein erstrebenswerter Zustand?
(Früher, bevor das Nichtstun ein so schlechtes Image bekam.) 
Als ich vor Jahren einer Freundin in Deutschland erzählte, dass wir nach den Sommerferien, wenn die (kleinen) Kinder wieder in Ankara in der Schule untergebracht waren, erst mal im Kreise der Vertrauten eine Flasche Schampus am Pool köpften, um auf unsere wiedererlangte Vormittagsfreiheit anzustoßen, bemerkte sie bekümmert: „So viel Spaß habe ich nie!“
Soll ich mich deswegen schämen?

Aber um wieder zur Langeweile zurück zu kommen. Ja, die gibt es. Sie kann Einsamkeit bedeuten oder mangelndes Amüsement, weil man sich in einer fremden Sprache so verloren fühlt, lange Zeit nur auf den Ehemann fixiert ist und Freunde fürs Leben eben nicht so schnell ins Haus flattern wie Einladungen zu Empfängen.  Sie kann geistige Unterforderung bedeuten, wie jede Mutter mit kleinen Kindern oder jede/r mit einem stumpfsinnigen Job sie kennt. Nicht jeder findet Sinn in dem, was er tut.
Langeweile kann sich zu einem wahren Monster auswachsen. 
Und jeder von uns hat solche Momente im Leben, wenn nicht hinter, dann sicherlich noch vor sich. Das ist keine Exklusivität des Diplomatenlebens.
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Aber weil so viel von Kindern die Rede war, will ich heute auch noch von ihnen erzählen. 
Das war der Wunsch eines Lesers aus A.D., und schließlich ist ihr Leben genauso langweilig, abgehoben, ungewöhnlich, abenteuerlich und schwierig wie das ihrer Diplomatenmütter (hach, wie schick das klingt!)

Der Schulalltag beginnt mit morgendlicher Hetze, nichts Ungewöhnliches also. Wenn ich die Kleine frage, wie lange sie nun schon die selben Socken trägt, antwortet sie altklug: “Woher soll ich das wissen? Sich das zu merken, nimmt zu viel Platz weg in meinem Gehirn. Den brauch ich für wichtigere Sachen.“ 
9-Jährige scheinen intuitiv Weisheiten zu kennen, die man sich mit 39 erst wieder aneignen muss: Den Kopf freizuhalten für das Wesentliche, zum Beispiel.
Und der Schulalltag endet mit hastig abends hingeschmierter Hausaufgabe, weil man den späten Nachmittag mit Lesen, Spielen und der zeitraubenden Zuwendung an verschiedene Erscheinungsformen der Unterhaltungselektronik zugebracht hat.

Bleibt also das Wochenende: 
Einladung zum Kindergeburtstag bei einer marokkanischen Freundin. 
Als wir mit 15 Minuten Verspätung erscheinen, ist noch kein anderer Gast zu sehen. Die Tochter öffnet die Tür, ihre Mutter sei noch unterwegs, um Besorgungen zu machen. Anwesend sind bereits: die Haushälterin. Die Männer, die die riesige Hüpfburg auf einer Wiese hinter dem Haus aufbauen, der DJ, der später alle mit lautem, Herzen-zum-Stolpern-bringendem Bum-Bum quälen wird, und der Kameramann, der sich sofort in Stellung bringt, als er uns sieht. Schließlich kommt auch A. mit Tüten voller Chips und Saft. 
Kamera an, Strahlegesicht an. Küsschen rechts, Küsschen links, ein entzücktes Winken und Rufen von meiner Seite Richtung Kamera wird erwartet, dann darf ich gehen. 
Später erfahre ich, dass der DJ wohl seines Amtes walten durfte, nicht aber die Männer mit der Hüpfburg. Auf der Küstenstraße unterhalb der Wiese sollte im Laufe des Nachmittages der König vorbeifahren, der Anblick von hoch aufgeblasenem Plastik mit kreischenden Kindern obenauf war wohl eine Zumutung oder eine Sicherheitsbedrohung, vielleicht auch beides; ich weiß es nicht.

Nächstes Wochenende wieder Kindergeburtstag, bei einer deutsch-marokkanischen Familie. Alles wesentlich charmanter: weniger aufgedreht, in einem bezahlbaren Preisrahmen, mit selbst gebackenem Kuchen und nur leiser Bum-Bum-Musik. Aber, die Gastgeberin deutet bekümmert auf die Baustelle nebenan, mit beständigem Motorsägenlärm. 
Auf der Suche nach Abhilfe fällt mir die magische Wirkung des königlichen Namens von neulich ein. Einige entfernte weibliche Verwandte des Königs besuchen die Schule unserer Kinder, der Titel „Lalla“, Prinzessin, ist Teil ihres Vornamens.
„Du, wir haben doch die Lallas an der Schule. Kannst du dem Bauarbeiter nicht sagen, dass sie auch noch erscheinen werden und er mit dem Krach aufhören soll?“
„Ah, hahaha, das ist genial! Ich werde ihm sagen, dass die Töchter von Moulay  Soundso – die Frauen zählen ja nicht –; ich sag ihm, dass die Töchter vom Prinzen kommen werden!“ 
Die Hausdame verschwindet. Drüben wird noch einige Minuten geflext, dann sucht der Arbeiter von seinem Gerüst aus unsere Aufmerksamkeit, verbeugt sich tief mit der Hand auf dem Herzen, macht eine abwehrende Bewegung, wir nicken huldvoll. 
Und dann ist Ruhe. 



Freitag, 17. Januar 2014

Einkaufen in Rabat


Dass bei Regen und Dämmerlicht kaum jemand seine Scheinwerfer anmacht und ich auf der Fahrt zum Einkaufen fast nichts sehe; dass ich nur in Zeitlupentempo auf den Parkplatz manövrieren kann, weil rechts in der Einfahrt ein Auto geparkt ist (das kommt schon mal vor, wenn die Leute nicht zu weit laufen wollen) und links eine Reihe von Einkaufswägen abgestellt ist; dass mein Auto alle paar Monate neue Dellen von diesen herrenlos herumtrollenden Einkaufswägen bekommt – geschenkt.

Im Supermarkt stinkt es. Nach Toilette und Fischabfällen. 
Mandarinen kosten umgerechnet 50 Cent das Kilo. 
Ich schiebe unter großer Kraftanstrengung den alten, quietschenden, stetig nach rechts abdriftenden Einkaufwagen durch die schmalen Gänge.

Als ich zur Kasse komme, sehe ich einen vollen Einkaufskorb auf dem Boden, aber weit und breit niemanden, dem er gehören könnte. Nachdem ich alle meine Waren auf das Band gelegt habe, kommt die Dame, die den Korb bestückt, in die Warteschleife vor die Kasse gestellt und dann noch Butter und Milch und Karotten und Fleisch und Nudeln und Paprika geholt hat. Sie kommt geräuschvoll. Rempelt mich 'versehentlich' an. Als ich mich umdrehe, blickt SIE MICH vorwurfsvoll an. Schließlich murmelt sie nachsichtig: "C'est pas grave. Das macht nichts."

Ich wende mich wieder meinem Vordermann zu. Der will gerade bezahlen, muss jedoch feststellen, dass er weder über Bargeld noch über funktionierende Karten verfügt. Das ist ihm aber nicht wirklich unangenehm. Er schäkert ein bisschen mit der Kassiererin, zeigt auf das obere Stockwerk, die Kassiererin nickt. Und dann schlurft er seelenruhig weg, total gechillt, die Waren vor der Kasse belassend, auf der Suche nach einem Geldautomaten. Selbstverständlich kann die Kassiererin nicht den Vorgang abschließen und währenddessen die anderen Kunden bedienen. Also warten. 

Ich schiele nach links. Lohnt es sich, wieder alles einzupacken und mich in die Nachbarschlange einzureihen? Eine Dame von großem Umfang in einer quietschblauen Jellaba packt ruhig einen Artikel nach dem anderen in die dünnen Plastiktüten. Über dieses gemächliche Tempo will ich mich gar nicht mokieren, das habe ich inzwischen zu schätzen gelernt. Wenn ich in Deutschland bei Aldi bin, komme ich mir vor wie eine Vorvorgestrige, aufgescheucht durch das Hypertempo der Jugend, bei dem sie nicht mithalten kann.

Soweit läuft es in der Schlange nebenan also gut. 
Aber halt! 
Die Kassiererin stockt. 
Blickt auf. 
Blickt wieder auf ihre Kasse. Die will nicht mehr. 
Langsam wendet die Kassiererin ihren Kopf wieder nach oben, sieht ihre Kundin an. 
Sieht sich ratlos im Raum um. 
Wendet sich wieder ihrer Kasse zu. 
Starrt sie an. 
Sieht sich wieder im Raum um. Kaugummikauend. Schleichend.
Erklärt der Kundin irgendetwas. 
Steht schließlich langsam auf. 
Brüllt markerschütternd: "M'hammed!!" 
Einige Kassierer heben kurz den Kopf. Aber niemand fühlt sich angesprochen. Nichts passiert. 
Sie setzt sich wieder. 
Wartet, den absplitternden Nagellack auf ihren Fingernägeln betrachtend. 
Es passiert immer noch nichts. 
Ihre Speckrollen zeichnen sich deutlich unter dem alten Kittel ab. Sie ist stark geschminkt, blaue glänzende Augen, rote Lippen. Obwohl sie jung ist, sieht ihr Gesicht schon verbraucht aus. Fleckige Haut, Kuhaugen, schiefe Zähne. 
Es ist faszinierend, wie wenig der Gedanke an die wartende Menge sie erschüttert. Als weder M'hammed noch sonst jemand kommt, um ihr zu helfen, steht sie nach einigen Minuten umständlich auf und wackelt wortlos davon.

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird, denn inzwischen läuft es in meiner Schlange wieder. Ein Dank an die Kasse links für die kurzweilige Unterhaltung in der Wartezeit.

Ich habe alles eingepackt, fahre mit dem Laufband nach oben. Als es zu Ende geht, bekommt die alte Dame vor mir ihren Wagen nicht weg vom Band. Er klemmt, lässt sich nicht schieben. Die Frau hat offenbar das selbe kaputte Wagenmodell wie ich und die Reaktionsgeschwindigkeit der Kassiererin von vorhin. 
Hilflos – und sich der Dringlichkeit der Situation wohl nicht bewusst -, blickt sie sich um. TACK! Da bin ich schon mit meinem Einkaufswagen aufgefahren, die Wägen sind verkeilt. TACK. Die nachkommenden Kunden werden nach oben gespült, jede Sekunde einer mehr. TACK. TACK. Drücken von hinten gegen mich, immer stärker. 
PANIK
Niemand kommt auf die Idee, nach hinten unten auszuweichen. 
Immer mehr Menschen DRÜCKEN, DRÜCKEN. 
Schließlich gelingt es einigen Männern, die ineinander verhakten Wägen zu lösen und so den Pfropfen zu öffnen, die gedrängte Menge löst sich auf. 

Da außer mir niemand aufgewühlt zu sein scheint, stellt sich die Frage: 
Warum klappt das nicht so recht mit mir und dem Fatalismus?